Montag, 11. Juli 2016

Eine falsche (und peinliche) Alternative

Zahlreiche Rechtsnormen regeln mehr als nur einen Fall, ihr Tatbestand lässt sich in verschiedene Unterfälle aufteilen. Ein in seiner Formulierung besonders drastisches Beispiel ist § 132 Abs. 2 GVG:
Will ein Senat in einer Rechtsfrage von der Entscheidung eines anderen Senats abweichen, so entscheiden der Große Senat für Zivilsachen, wenn ein Zivilsenat von einem anderen Zivilsenat oder von dem Großen Zivilsenat, der Große Senat für Strafsachen, wenn ein Strafsenat von einem anderen Strafsenat oder von dem Großen Senat für Strafsachen, die Vereinigten Großen Senate, wenn ein Zivilsenat von einem Strafsenat oder von dem Großen Senat für Strafsachen oder ein Strafsenat von einem Zivilsenat oder von dem Großen Senat für Zivilsachen oder ein Senat von den Vereinigten Großen Senaten abweichen will.
Der Rechtsanwender (und das heißt auch der Student) muss bei einer solchen Norm stets den genauen Unterfall zitieren. In methodischen Ratgebern sind dazu oftmals Sätze wie diese zu lesen:
Befasst sich die Norm mit zwei Fällen, spricht man von „Alternativen“. Ist zwischen drei oder mehr Fällen zu trennen, gebraucht man den Ausdruck „Varianten“. (Schmidt, JuS 2003, S. 649, 653)
Bei Art. 2 Abs. 2 S. 1 GG kann man so etwa zwischen Recht auf Leben (Alt. 1) und Recht auf körperliche Unversehrheit (Alt. 2), bei § 267 Abs. 1 StGB zwischen Herstellung einer unechten Urkunde (Var. 1), Verfälschung einer echten Urkunde (Var. 2) und Gebrauch einer unechten oder verfälschten Urkunde (Var. 3) unterscheiden (Beispiele nach Schmidt, a.a.O.).

Woher aber stammt die Unterscheidung zwischen Alternative und Variante? Die Beschränkung von „Alternative“ auf das Vorliegen zweier Fälle soll sich aus dem lateinischen Ursprung des Wortes ergeben (alter – dt. ,andere(r/s)‘). Alternative beziehe sich deshalb auf ein Entweder-oder zwischen zwei Optionen.

Ist es bereits fraglich, ob diese Beschränkung heute noch gerechtfertigt ist, da „Alternative“ im allgemeinen Sprachgebrauch längst im Sinne einer von mehreren (auch mehr als zwei) Optionen verwendet wird, wiegt es noch deutlich schwerer, dass die Beschränkung in den Empfehlungen zur Methodik der Normzitation gar nicht richtig umgesetzt wird.

Wird „Alternative“ beschränkt auf das Entweder-oder zwischen zwei Optionen, dann meint das Wort „Alternative“ nämlich nicht je eine der beiden Optionen, sondern die Wahlmöglichkeit als solche, also die Möglichkeit, zwischen zwei Optionen zu wählen. Jemand kann vor die „Alternative zwischen A und B“ gestellt sein, aber nicht sich für die „Alternative A“ und gegen die „Alternative B“ entscheiden. A und B sind nach dem strengen Verständnis Optionen, nicht Alternativen. Alternative gibt es immer nur eine.

Die methodische Empfehlung hält also ihre eigene Logik nicht durch. Will man am strengen Verständnis von „Alternative“ festhalten, muss man stets von Varianten sprechen. Andernfalls kann man auch drei oder mehr Fälle als Alternativen bezeichnen. Genauso gut ist es übrigens möglich, „Fall 1, 2, 3...“ zu schreiben.

Nun könnte man das alles für unnötige Wortklauberei halten. Aber leider wird von Korrektoren berichtet, die auf die Unterscheidung zwischen Alternative und Variante nicht unerheblichen Wert legen. Das ist – wie so oft, wenn Juristen meinen, sich mit Sprache besonders gut auszukennen – schlichtweg peinlich.