Freitag, 28. Dezember 2012

Großbritannien: Anwalt ohne Studium?

Wer Anwalt werden will, muss Jura studieren. In Deutschland ziemlich lange. In Großbritannien nur drei Jahre. Bisher – denn die britische Regierung schmiedet einen Plan. Spiegel Online berichtet:
Junge Briten sollen künftig akademische Berufe ergreifen können, ohne je studiert zu haben. Die Regierung plant, Karrieren als Rechtsanwalt, Steuerprüfer oder in der Versicherungsbranche für Menschen zu öffnen, die keinen Hochschulabschluss vorweisen können.
Matthew Hancock, Staatssekretär im Department for Business, Innovation and Skills, schreibt im Telegraph, Ausbildungen im Beruf könnten einen Universitätabschluss ersetzen:
There is no reason why you can’t attain the same qualifications, without the degree, starting on-the-job training in an apprenticeship from day one.
Was insurance und accounting angeht, mag dies durchaus stimmen. Versicherungs-fachmann und Steuerberate kann man auch in Deutschland ohne Studium werden. Aber ist das bei Anwälten auch sinnvoll? Hancock jedenfalls ist davon begeistert, eine Möglichkeit zu schaffen, ohne Studium solicitor werden zu können:
I’m especially excited about a new law apprenticeship which BPP Law School is seeking to develop as an alternative to the traditional means of qualifying as a solicitor.
Insgesamt müsse Großbritannien die Trennung akademischer und praktischer Ausbildung überwinden, um an Länder wie Deutschland heranzukommen:
For decades, Britain has been held back by artificial and counter-productive divisions between practical and academic learning, allowing countries such as Germany to get ahead in the global race for technical excellence.
Doch beim Thema Jura hinkt dieser Vergleich natürlich gewaltig. Haben wir in Deutschland doch einen besonders langen und intensiven Weg bis zum juristischen Berufsstart.

Letztlich stellt sich hier wieder die alte Frage: Braucht man als Jurist ein wissenschaftliches Studium? Ich denke: ja.

Gelesen und gesucht 2012

Das Jahr nähert sich seinem Ende. Zeit, einen Blick zurückzuwerfen auf die erfolgreichsten Beiträge unsereres Blogs:

Erfolgreichster Gastbeitrag war:

Und hier noch die Top Ten der Suchbegriffe, die 2012 auf unseren Blog führten (mit Link zum passenden Beitrag):

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Juristisches Zitat XXVI

Der unmündige Untertan ruft die Polizei. Der mündige Bürger informiert seinen Anwalt.
– Nikolaus Cybinski

Sonntag, 23. Dezember 2012

Berufung erst 2013!

Am 01.01.2012 erblickte dieser Blog das Licht der Welt. Nach dem Blogger-Analysetool schließen wir unser Einjähriges mit fast 100.000 Pageviews, verteilt auf 370 Posts – seien es Berichte, Meinungen oder Kommentare zu aktuellen juristischen Fragestellungen, zur Philosophie der Juristen und des Jurastudiums gewesen. Ob eher unbeachtet oder von den Jurablogs-Päpsten verlinkt, ob unkommentiert oder mit lebhafter Diskussion, das Blogschreiben hat in diesem Jahr immer Spaß gemacht und uns in einige Ecken des Rechts geführt, die wir sonst ohne Zweifel nicht betreten hätten.

Wir, die Autoren, wollen uns bei allen regelmäßigen und unregelmäßigen Bloglesern, Kommentatoren, unseren Gastautoren und allen, die unsere Beiträge verlinkt, getwittert oder sonstwie geteilt haben, für ein erfolg- und lehrreiches Jahr 2012 bedanken.

Auch wenn es in den letzten Wochen ein wenig ruhig im Blog wurde, freuen wir uns darauf, im neuen Jahr wieder Aktuelles und Altes, Ernstes und Kurioses aus der Welt des geltenden (und manchmal auch des zu schaffenden) Rechts zu berichten.

Bis dahin wünschen wir frohe Weihnachten und einen guten Rutsch.

Roman Kaiser & Simon Lackerbauer

P.S: Ein bisschen was ist auch zwischen den Jahren noch im Blog zu lesen.

Blog-Auswahl KW 51

Sonntag, 9. Dezember 2012

Einige Probleme (aber weniger als 99)

Jay-Z ist ein Rapper. Ein sehr bekannter Song (so bekannt, dass selbst ich ihn kenne) von ihm trägt den Titel 99 Problems. In der zweiten Strophe des Raps gibt es so einiges an juristischen Ratschlägen - und die hat ein amerikanischer Rechtsprofessor nun vor einiger Zeit mal unter die Lupe genommen. Welche der angesprochenen und mit großer Wahrscheinlichkeit unter Laien im gesamten amerikanischen Rechtsraum verbreiteten Auffassungen stimmt eigentlich mit der Wahrheit überein?

Der Beitrag von Caleb Manson im Saint Louis University Law Journal (65, 567 [2012]) beantwortet diese Fragen und ist darüberhinaus kostenfrei online abrufbar.

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Latein im Recht XXV

Quae non sunt simulo, quae sunt ea dissimulantur.
Was nicht ist, täusche ich vor; was ist, unterdrücke ich hingegen. Für dieses Scheingeschäft gilt:
Quae simulate geruntur, pro infectis habentur.
Was zum Schein getan wird, wird als ungeschehen behandelt. Sowie:
Actus simulatus nullius est momenti.
Ein vorgetäuschtes Rechtsgeschäft ist unwirksam. Siehe heute § 117 BGB.

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Oxford Tales V: Grundzüge des Jurastudiums in Oxford

In der Reihe „Oxford Tales“ berichte ich in loser Folge über verschiedene Aspekte meines Erasmusaufenthalts an der University of Oxford.

Michaelmas, der erste Term des akademischen Jahres, ist bereits vorbei. Ein Term dauert nur acht Wochen. Am Ende des Terms wird man aus seinem Collegezimmer mehr oder weniger rausgeworfen. Außer man bekommt die so genannte vacation residence für die Ferien gewährt. Das Somerville College braucht aber fast alle Räume für Studien-platzbewerber, die im Dezember für Bewerbungsgespräche (interviews) ins College kommen. So bin ich letzten Samstag nach Deutschland zurückgekehrt.

Das gibt mir Zeit, ein bisschen über die Grundzüge des englischen Jurastudiums zu schreiben, bevor ich in weiteren Beiträgen über meine eigenen Erfahrungen damit berichte.

Wer normal in Oxford Jura studiert, macht den dreijährigen BA in Jurisprudence. Im ersten Jahr lernen die Studenten folgende Fächer:
  • Roman Law (als Einführung ins Privatrecht)
  • Constitutional Law
  • Criminal Law

Am Ende des ersten Jahres gibt es dreistündige Prüfungen in diesen drei Fächern (Law Moderations). Im zweiten und dritten Jahr müssen die Studenten folgende Fächer belegen:
  • Administrative Law
  • Contract Law
  • Jurisprudence
  • Land Law
  • Tort Law
  • Trusts
  • EU Law
  • zwei weitere Standardfächer (z.B. Arbeits-, Familien- oder Unternehmensrecht)

Am Ende des dritten Jahres werden dreistündige Prüfungen in diesen neun Fächern abgehalten. Dabei müssen die Studenten in jedem Fach vier von zehn Fragen beantworten. Die Prüfungen unterscheiden sich deutlich von denen des deutschen Staatsexamens. Die Prüfungsfragen des BA sind grundsätzlich Essayfragen. Es wird bspw. gefragt, ob und wie die Gerichte ein bestimmtes Rechtsprinzip umsetzen und ob diese Praxis ver-besserungswürdig ist. In manchen Fächern, wie etwa Vertragsrecht, müssen daneben auch problem questions beantwortet werden, bei denen es, ähnlich wie im Staatsexamen, um die Anwendung des Rechts geht.

Die Bewertungsskala der Juraprüfungen geht von 0 bis 100% und ist wie folgt eingeteilt:
  • 70% und mehr: First Class (außergewöhnlich gut; wenige Studenten; ein Essay mit 80% gilt bereits als publishable  – veröffentlichbar)
  • 60-69%: Upper Second Class (sog. „2.1“ ; gut bis sehr gut; die meisten Studenten)
  • 50-59%: Lower Second Class (sog. „2.2“ ; vernünftig und akzeptabel; wenige Studenten)
  • 40-49%: Third (noch akzeptabel; sehr wenige Studenten)
  • 30-39%: Pass (noch bestanden; äußerst wenige Studenten)
  • weniger als 30%: Fail (nicht bestanden; sehr selten)

Neben dem normalen BA in Jurisprudence gibt es die Möglichkeit, den vierjährigen BA in Jurisprudence with Law Studies in Europe zu machen. Dabei haben die Studenten in ihren ersten beiden Jahren zusätzliche Veranstaltungen über französisches, deutsches, italienisches, spanisches oder niederländisches Recht und verbringen ihr drittes Jahr an einer der Partneruniversitäten, um dann im vierten Jahr den BA in Oxford abzuschließen.

Der BA ist die einzige Voraussetzung universitärer Bildung, um Anwalt in England und Wales werden zu können. Die Anwaltschaft ist in England und Wales geteilt in solicitors und barristers. Für beide Berufe ist nach der academic stage, also dem Bachelor, eine vocational stage vorgesehen. Wer solicitor werden möchte, muss den einjährigen Legal Practice Course der Law Society of England and Wales besuchen; wer hingegen barrister werden möchte, muss einer der vier barrister-Vereinigungen (Inns of Court) beitreten und den Bar Professional Training Course absolvieren. Die Unterschiede der beiden Anwaltsberufe werde ich in einem der folgenden Beiträge erklären.

Wer nicht sogleich berufstätig werden möchte, hat die Möglichkeit, nach dem BA in Jurisprudence noch einen postgraduate course in Oxford zu besuchen. Bekannt sind vor allem der Bachelor in Civil Law (BCL) für Absolventen einer common-law-Uni und der Magister Juris (MJur) für Absolventen einer civil-law-Uni. Diese entsprechen einem LLM, heißen aber nicht so, weil die Fakultät sie wegen der tutorials für einzigartig hält.

Nicht nur BCL und MJur, sondern auch das normale Studium aller Fächer in Oxford zeichnet sich durch das tutorial system aus. Das tutorial system ist typisch für Oxford und Cambridge; in Cambridge heißen die tutorials allerdings supervision. Diese tutorials bilden den Kern des Studiums, die Vorlesungen sind daneben nur ergänzend.

Im wöchentlichen tutorial trifft sich ein Wissenschaftler (tutor) mit zwei (manchmal auch drei oder nur einem) Studenten. In diesem tutorial wird ein Thema diskutiert, das die Studenten mittels einer reading list und eines Essays vorbereitet haben. Auf der reading list sind Lehrbuchkapitel, Gerichtsentscheidungen, Gesetzestexte und wissenschaftliche Aufsätze aufgeführt, die die Studenten zu lesen haben. Außerdem gibt es discussion questions, die man sich vor dem tutorial durch den Kopf gehen lassen soll, und eine Frage, für die ein Essay von meist ca. 2000 Wörtern geschrieben werden muss.

Wie meine tutorials im ersten Term verliefen, werde ich demnächst an dieser Stelle verraten.

To be continued...