Samstag, 20. Oktober 2012

Cum-ex-Trades oder Dividendenstripping

Vor dieser beck-aktuell-Meldung war mir gar nicht bewusst, wie sexy (oder anstößig) Börsengeschäfte sich zumindest anhören können ... das FG entschied trotzdem ganz souverän und irgendwie logisch:
Das Gesetz lasse auch entgegen der Ansicht der Antragstellerin keine mehrfache Anrechnung nur einmal entrichteter Kapitalertragsteuer zu, so das FG.

Montag, 15. Oktober 2012

Oxford Tales III: University of Oxford

In der Reihe „Oxford Tales“ berichte ich in loser Folge über verschiedene Aspekte meines Erasmusaufenthalts an der University of Oxford.

Seit Samstag bin ich nun offziell Mitglied der Universität Oxford. Zeit, um hier einmal über die Universität zu berichten.

Die University of Oxford ist eine der ältesten Universitäten der Welt. Ein festes Gründungs- datum gibt es nicht. Unterrichtet wurde hier bereits im Jahr 1096. Der akademische Aufstieg Oxfords begann, als Heinrich II. 1167 den Engländern verbot, an der Universität Paris zu studieren. Damit ist Oxford nach den Universitäten von Bologna und Paris die drittälteste Universität Europas und die älteste Universität der englischsprachigen Welt.

Nach Gewaltätigkeiten flohen 1209 einige Professoren und Studenten nach Cambridge, um dort die Universität Cambridge zu gründen. Die Universitäten Oxford und Cambridge werden heute gemeinhin unter dem Begriff Oxbridge zusammengefasst, um ihre gemeinsamen Besonderkeiten zu unterstreichen:
  • Sie sind die beiden ältesten Universitäten Englands.
  • Sie haben ähnliche Institutionen entwickelt, wie etwa Museen, Verlage, botanische Gärten oder Debattierklubs.
  • Sie haben viele bedeutenden Persönlichkeiten der Wissenschaft, der Politik und der Künste hervorgebracht.
  • Sie stehen in traditionsreicher akademischer und sportlicher Rivalität, z.B. beim alljährlichen Boat Race.
  • Sie führen regelmäßig Universitätsrankings in Großbritannien an und zählen auch weltweit zu den besten Universitäten.
  • Sie haben beide die College-Struktur (dazu sogleich).
  • Ihre Wissenschaftler und Studenten werden als elitäre soziale Klasse angesehen.

Die Universität Oxford hat über 21000 Studenten, davon knapp 12000 undergraduates und gut 9000 postgraduates. Die Uni ist eine Art Föderation und besteht aus 38 Colleges und sechs (kirchlich betriebenen) Permanent Private Halls. Die Zentralverwaltung der Uni ist für Matrikulation und Examen zuständig und betreibt die Fakultäten der verschiedenen Fächer. Alle Studenten gehören neben der Universität auch einem College oder einer Hall an. Das College stellt nicht nur die Unterkunft, sondern trägt auch wesentliche Verantwortung für die Lehre. Entsprechend gehören auch die meisten Wissenschaftler neben der Universität auch einem College an.

Mitglied der Universität wird ein Student, indem er an der Matriculation Ceremony teilnimmt. Für die neuen Studenten dieses Jahrgangs wurde sie am Samstag abgehalten.

Die Zeremonie findet im Sheldonian Theatre in der Altstadt Oxfords statt. Allerdings ist das Theater bei weitem nicht groß genug, um alle neuen Studenten der Universität aufzunehmen. Also werden immer nur die Studenten von drei Colleges gleichzeitig immatrikuliert.

Für die Immatrikulation müssen die Studenten subfusc und academic dress tragen. Die Kleidervorschriften für subfusc lauten für Männer wie folgt:
  • Dunkler Anzug (schwarz, dunkelgrau, -blau oder -braun) mit dunklen Socken
  • Schwarze Schuhe
  • Weißes Hemd
  • Weiße Fliege
Für Frauen:
  • Schwarzer Rock oder schwarze Hose
  • Schwarze Schuhe
  • Schwarze Strümpfe
  • Weiße Bluse
  • Schwarzes Band
Seit diesem Jahr ist die Kleidervorschrift allerdings nicht mehr geschlechtsspezifisch, sodass nicht mehr zwischen Männern und Frauen unterschieden wird.

Zum subfusc wird academic dress, bestehend aus einem schwarzen gown (Umhang) und einem schwarzen mortarboard (wie ein Doktorhut), getragen. Ein gutes Beispielfoto findet sich hier.

Die Matriculation ceremony selbst ist nur ein kurzer Akt. Der Senior Dean und der Vice-Chancellor der Universität tauschen ein paar Sätze auf Latein aus, durch die die anwesenden Studenten zu Mitgliedern der Universität werden. Anschließend hält der Vizekanzler eine Rede (auf Englisch), nach deren Ende alle Studenten möglichst schnell das Gebäude verlassen müssen, damit die nächsten Studenten immatrikuliert werden können. Ein Video einer der Zeremonien vom Samstag gibt es bei youtube.

Und so ist man nach einer knappen Viertelstunde offiziell Teil der altehrwürdigen Institution University of Oxford wie so viele junge Leute zuvor in den letzten 800 Jahren.

To be continued...

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Oxford Tales II: Freshers’ Week

In der Reihe „Oxford Tales“ berichte ich in loser Folge über verschiedene Aspekte meines Erasmusaufenthalts an der University of Oxford.

Nachdem ich nun meine ersten akademischen Pflichten erfüllt habe (dazu demnächst mehr), kann ich nun endlich über die Fresher’s Week berichten.

In Oxford merkt man recht schnell, dass man als Student den normalen Kalender vergessen kann. Das liegt an der in Oxford gepflegten Terminologie. Viele Dinge tragen hier seltsame Namen. So hat die Rechnung des Colleges mit den Unterkunftsgebühren zwar nichts (oder zumindest nicht unbedingt) mit einem Kampf zu tun, heißt aber battel statement. Die drei terms, in die das akademische Jahr aufgeteilt ist, werden Michaelmas, Hilary und Trinity genannt. Jeder term hat acht Wochen, die durchnummeriert werden. Und so ist heute nicht einfach der 11. Oktober, sondern Thursday of week 1. Eine Tutorin von Somerville College hat uns bereits davor gewarnt, es mit diesen Bezeichnungen zu übertreiben. Wir sollten unseren Müttern nicht sagen, wir seien am Tuesday of week 12 daheim. Denn der 25. Dezember ist ja doch eher als Weihnachten bekannt.

Eine nullte Woche gibt es auch. Die Woche vor Beginn des terms wird als Freshers’ Week bezeichnet. Sie dient zur Einführung für die neuen Studenten. Den ersten Tag, den 2. Oktober, habe ich ja schon beschrieben. Am Mittwoch bekamen wir alle nötigen Informationen über das College. Los ging es mit einer Einführung in die für Großbritannien typischen health and safety regulations. Das Informationsvideo der University of Dundee enthielt zwar nur wenig Neues, war aber wegen der schottischen Akzente durchaus unterhaltsam anzuschauen. Weiterhin stellten sich die Deans vor, die für welfare, also das allgemeine Wohlbefinden, aber auch für Bestrafung bei Fehlverhalten zuständig sind. In einer etwas längeren Veranstaltungen stellten außerdem die Rektorin und verschiedene Amtsinhaber sich und das College vor. Und wie man im College seinen Laptop mit dem Internet verbindet, wussten die Herren von der IT-Abteilung zu verraten.

Auch spezielle Veranstaltungen für jedes Fach sind in der Freshers’ Week vorgesehen. Zunächst stand am Mittwoch ein Treffen aller Erasmus-Jurastudenten beim Erasmus-koordinator der Faculty of Law an. Etwa 30 Studenten von acht europäischen Universitäten (München, Bonn, Konstanz, Regensburg, Paris, Siena, Barcelona, Leiden) nehmen am Programm Diploma in Legal Studies teil. Das ist zwar kein Diplom, klingt aber gut.

Ebenfalls am Mittwoch gab es ein Treffen der Juratutoren von Somerville mit den acht neuen law undergraduates, bei dem das Jurastudium und die Kurse erklärt wurden. Darüber werde ich in dieser Reihe noch – und vermutlich mehrere Male – berichten.

Am Mittwochabend fand dann statt, was sicherlich als Highlight der Freshers’ Week bezeichnet werden kann: das Freshers’ Dinner. Zunächst treffen sich um 18:45 Uhr alle neuen Studenten eines Fachgebiets (neben undergraduates auch postgraduates) mit ihren jeweiligen Fachtutoren zu den pre-dinner drinks. Bei Wein oder nicht-alkoholischen Getränken wird ein wenig geplaudert, bevor man um 19:15 Uhr zur Dining Hall geht, in der jedem Fachgebiet ein eigener Tisch zugewiesen ist. Dresscode für die Veranstaltung ist smart dress – d.h. für Männer geht die Reichweite von Kombination ohne Krawatte bis zum Anzug mit Krawatte.

Die Dining Hall erinnert ein wenig an Harry Potter (die Great Hall der Harry-Potter-Filme wurde an die Hall des Christ Church Colleges in Oxford angelehnt). Im Somerville College ist die Hall ein hoher Raum mit dunklem Holzpaneel, hohen Fenstern und langen grünen Vorhängen. An der Wänden hängen Portraits von Mary Somerville, der Namensgeberin des Colleges, und berühmten Absolventen des Colleges. Alle Tische stehen längs, nur im Kopfbereich steht ein Tisch quer und erhöht: der High Table. An diesem Tisch dürfen die Honoratioren des Colleges sowie Studenten eines Fachgebiets als Gäste sitzen. Die Personen des High Table betreten die Dining Hall erst, wenn alle anderen bereits sitzen. Diese erheben sich und warten, bis alle am High Table Platz genommen haben. Dann kann das Dinner beginnen.

Die Mitarbeiter der Dining Hall servieren ein Drei-Gänge-Menü: Ziegenkäse mit Roter Bete, gefüllter Fasan und Schokoladentarte zum Dessert. Dazu gibt es den eigenen australischen Somerville-Wein (rot oder weiß), der allerdings laut des französischen (!) Erasmusstudenten „really disgusting“ ist. Nach dem Essen wird Kaffee serviert, zusammen mit der eigenen Somerville-Schokolade (Orange oder Minze). Dazu hält die Rektorin eine motivierende Rede. Dass sich allerdings zu diesem Moment wirklich – wie die Rektorin meinte – die Hälfte eines zukünftigen britischen Kabinetts im Raum befindet, erscheint mir doch fraglich. So viele Millionäre studieren meines Wissens nicht am Somerville College.

Eine weitere feste Einrichtung der Freshers’ Week ist die Freshers’ Fair, die von Mittwoch bis Freitag der nullten Woche läuft. Dort stellen sich alle societies der Universität vor. Und davon gibt es eine Menge. Von Sportgruppen (ob Rudern, Aikido oder Völkerball) hin zu Musikgruppen (Orchester, Chöre, Tanzen). Ob Conservative Association oder Communist Corresponding Society, ob Harry Potter Society oder Law Society, ob Greenpeace Group oder German Society – für jeden ist etwas dabei. Und so sorgt die Freshers’ Week dafür, dass man nicht nur auf die Kurse während der terms, sondern auch auf das Leben daneben ausreichend vorbereitet ist.

To be continued...

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Oxford Tales I: Grüß Gott, Oxford

Dienstag, der 2.10., es ist 14 Uhr Greenwich Mean Time British Summer Time. Ich sitze zum ersten Mal in meinem Zimmer in Oxford, das mir während meines Erasmusaufenthalts Schlaf- und Arbeitsplatz sein wird. Eine ordentliche Größe hat es und auch die Ausstattung ist gut: Zu einem Bett, das zugegebenermaßen weniger breit und lang als mein eigenes ist, gesellen sich ein Schreibtisch, hinter dem noch der ehemalige fireplace zu erkennen ist, ein Schreibtischstuhl, ein Schrank, ein Regal und eine Kommode. Der Lehnstuhl mutet da schon fast wie unnötiger Luxus an. Neben den braunen Möbeln, dem hellroten Bezug der Stühle und dem Teppichboden, der sich durch rote Tupfen auf blauem Grund auszeichnet, sorgen die bunten Gardinen für die nötige Auffrischung im Raum.

„Nun bin ich also in Oxford“, denke ich mir. Endlich wieder in Großbritannien zu sein, darüber hatte ich mich schon am Flughafen Heathrow gefreut. Die Briten machen es einem leicht, sich in ihrem Land wohl zu fühlen. Schon der Herr von der border control ist überaus freundlich, als ich ihm meinen Pass reiche: „Good morning to you. How are you doing today?“ Und der Fahrer des Busses nach Oxford plaudert mit mir über Golf, auch wenn ich seine Frage, wo ich denn in Oxford aussteigen wolle, nicht auf Anhieb verstanden hatte.
Vom Busbahnhof in Oxford musste ich noch zehn Minuten bis zum College gehen. Etwas überrascht sehe ich plötzlich neben mir die Eingangstür, von der ich im Internet schon ein Foto gesehen hatte. Ein verstohlener Blick bestätigt es mir. Hier ist es: Somerville College.

In der Green Hall bekomme ich meinen Zimmerschlüssel, Informationsblätter, meine University Card und noch eine schnell erstellte Access Card, mit der ich die Gebäude des Colleges betreten kann.

Von Green Hall aus ist mein Zimmer etwas versteckt gelegen. Es geht Treppen hoch und runter. Aber – wie ich später feststelle – eigentlich liegt es sehr nah an der Tür des angrenzenden Gebäudes Darbishire. Alle Gebäude tragen Namen, deren Bedeutung sich meist nicht sofort erschließt. Beim Margaret Thatcher Conference Centre ist es leicht. Das soll die Iron Lady ehren, die berühmteste Absolventin von Somerville College.

Im Zimmer angelangt, heißt es erst mal Sachen auspacken und einräumen. Das geht ziemlich schnell. Allzu viel lässt sich in einem einzigen Koffer eben nicht transportieren. Die Erstsemester, die alle wie ich am 2.10., ankamen, spielen da in einer anderen Liga. Aus dem Fenster blickend, sehe ich, wie die Freshers und ihre Eltern Koffer um Koffer und Kisten um Kisten ins College schleppen.
Ich hingegen mache mich erst einmal auf in die Innenstadt. Denn das College stellt mir zwar ein Bett. Aber zum Bett dazu nur Matratze und zwei Kopfkissen. Also gehe ich zu Marks & Spencer und kaufe mir eine Bettdecke und Bezüge.

Nachdem ich die Sachen in mein Zimmer gebracht habe, verbringe ich den Nachmittag damit, noch ein bisschen die Innenstadt zu erkunden, ein paar Sachen zu kaufen und mich im College umzusehen.

Am frühen Abend wird zur Begrüßung der Freshers gegrillt. Auf die Idee eines Barbecue Anfang Oktober können wohl nur die Briten kommen. Denn natürlich regnet es. Aber immerhin gibt es ja ein Zelt. Und so kann ich die ersten anderen Collegebewohner kennenlernen. Das Wort Kaiser ist den Briten übrigens ein Begriff und wird sofort als deutsches identifiziert. War halt doch nicht irgendein Krieg, sondern the Great War.

Ebenso früh, wie der Tag begonnen hatte, endete er dann auch. Im Bett im Zimmer im College in Oxford.

Unter dem Titel „Oxford Tales“ werde ich von nun an in loser Folge über verschiedene Aspekte meines Erasmusaufenthalts an der University of Oxford berichten. Auch wenn die weiteren Beiträge der Reihe nicht mehr so tagebuch-artig wie dieser verfasst sein werden, werden sie wohl doch einen etwas persönlicheren Einschlag als die üblichen Blogartikel haben. Der geneigte Leser möge dies entschuldigen oder begrüßen.

Die Form mal ganz anders

Das deutsche Zivilrecht kennt verschiedenste Formvorschriften (§§ 125ff. BGB). Am bekanntesten dürfte wohl die notarielle Beglaubigung Beurkundung eines Grundstückkaufvertrages gem. § 311b BGB sein. Im Gegenzug überrascht es so manchen Laien, wieviele Verträge sogar mündlich geschlossen werden können - zB auch der Arbeitsvertrag (man beachte hier aber insb. § 2 NachwG). Denn schließlich hat sich die Schriftform, also die eigenhändige Namensunterschrift oder das notariell beglaubigte Handzeichen, im Rechtsverkehr schon aus Gründen der Beweissicherheit inzwischen fast überall durchgesetzt, auch wenn sie in neuerer Zeit durch die Textform bei Fernabsatzgeschäften wieder ein wenig verdrängt wird.

Zudem gibt es relativ selten Streitereien, ob die Unterschrift denn nun tatsächlich echt ist - wenn, dann wohl am ehesten in einer der folgenden drei Konstellationen: Rechtsanwaltsunterschrift bei Berufungs-/Revisionsbegründungen, Arbeitgeberunterschrift bei der Kündigung und natürlich bei Urkundsdelikten. Man kann sich also im übrigen Verkehr auf die Unterschrift verlassen.

Bis man nach Japan geht.

Denn sobald der westliche expat nun in Japan zur Unterschrift schreitet, um ein Zimmer zu mieten oder ein Auto zu kaufen, reagiert der japanische Vermieter/Verkäufer mit Unverständnis. Wie, was wolle man denn dort handschriftlich herumschmieren? Dieses komische Gekrakel könne doch niemand lesen! So könne man doch nicht unterschreiben! Andere Länder, andere Sitten eben - die gemeine Unterschrift der westlichen Welt ist auf einmal nichts mehr wert: stattdessen geht es ab jetzt nur noch um jitsuin, ginkoin und mitomein oder schlicht inkan im Allgemeinen.

Inkan, übersetzt Siegel/Stempel, sind dort schlicht die normale Form des Unterschreibens. Meist mit hellroter Farbe wird mit mehr oder weniger stilisierten und regulierten Namenskanji abgestempelt, was abzustempeln ist. Und alle sind glücklich. Die oben genannten Möglichkeiten des Streits kommen gar nicht erst in Betracht ... bis der Siegelfälscher ein Dokument erwischt und schlicht nachbaut. Von fälschungssicher kann schließlich bei den einfachen Bambus- oder Metallsiegeln nicht wirklich gesprochen werden.

Und so hat uns ein andere Kulturkreis mal wieder eine Alternative zu den bewährten und als selbstverständlich hingenommenen Formen unseres Alltagslebens aufgezeigt. Und, wie bei Alternativen so üblich, das eine Problem schlicht durch ein anderes ersetzt.

Dieser Autor hofft ja immer noch auf die eigentlich wunderbare Idee der qualifizierten elektronischen Signatur ... ach, wenn diese nur auf eine wirklich alltagstaugliche Weise umgesetzt wäre - technisch kein Problem, politisch offensichtlich schon.

Montag, 1. Oktober 2012

Gemeinschaft der Steuerzahler oder Gemeinschaft der Gläubigen?

Das Urteil des Bundesverwaltungsgericht vom 26.09. hat Klarheit für die staatliche Seite des Kirchenaustritts geschaffen. Indes geht die Diskussion um die innerkirchlichen Folgen des Kirchenaustritts in der römisch-katholischen Kirche weiter. Der Gastbeitrag von Markus C. Müller befasst sich mit dem weltweiten Unterverständnis für das deutsche Kirchensteuersystem.
 
„Are you German?“ Ein älterer schwarz gekleideter Herr kommt auf uns zu. Ein mexikanischer Priester. Wie wir hat er den letzten Septembersonntag genutzt, um nach Castel Gandolfo zu fahren. Gemeinsam mit dem Heiligen Vater hatten wir in dessen Sommerresidenz den Angelus gebetet.  Immer noch beeindruckt vom charismatischen und zugleich so schlichten Auftritt unseres Papstes, warten wir nun am Bahnhof auf den Zug zurück nach Rom.
 
„German?“ Als ich dies bejahe, entspannt sich ein lebhaftes Gespräch. Adolfo – so heißt der mexikanische Priester – spricht sehr gut Englisch, da er einige Jahre eine spanisch-sprachige Gemeinde in den USA betreut hatte. Er erzählt, dass er erst vor 3 Wochen München besucht habe. Ein schöner Urlaub, aber von der Situation in Deutschland sei er schockiert gewesen.
 
Ob es stimme, dass man in Deutschland zahlen müsse, damit man in die Kirche gehen dürfe, fragt er. Er habe da einen Zeitungsartikel gelesen und habe es einfach nicht glauben können. So gut wie möglich versuche ich die momentane Situation in Deutschland zu erklären, das Kirchensteuersystem, die finanziellen Verflechtungen von Staat und Kirche und das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes aus der vergangenen Woche. Ziemlich verständnislos schaut er mich an. Vermutlich denkt er daraufhin, ich nähme ihn gerade auf den Arm.
 
Er erzählt, dass er Kirchenrechtler sei und in Texas am bischöflichen Tribunal gearbeitet habe. Eigentlich kennt er sich also wohl aus mit rechtlichen Fragen. Aber auch all seine Kollegen hätten es gesagt: Was die deutschen Bischöfe da treiben, sei für sie nicht nachvollziehbar. „They are just crazy!“ Wie könne es sein, dass die deutsche Kirche so an Privilegien und Geld klammere, während er sonntags halbleere Kirchen gesehen habe. Wie geht das zusammen?
 
Die Kirche in Mexiko sei arm, sehr arm, wie die meisten ihrer Mitglieder. Aber wenigstens hat sie noch Mitglieder. Allein in seiner Heimatdiözese bereiten sich über 1000 junge Männer auf das Priestertum vor. In allen deutschen Priesterseminaren zusammen sind es nicht einmal halb so viele. Sicherlich kann man die Situation in den beiden Ländern nicht vergleichen, aber skurril wirkt die Situation trotzdem.
 
Die deutschen Bischöfe würden sich mit ihrem Verhalten der Lächerlichkeit preisgeben, meint Adolfo. International respektiert sei Deutschland noch als Geldgeber, auch in seiner Heimat. Glaubensimpulse jedoch kämen schon längst nicht mehr. Um was es den deutschen Bischöfen denn eigentlich gehe, fragt er mich. Ich tue mich wohl sichtlich schwer mit einer Antwort. Dass die wenigsten Gläubigen Verständnis für ihre Oberhirten aufbringen können, glaubt er mir dagegen sofort.
 
Um was gehe es den deutschen Bischöfen? Um Geld? Um Macht? Um Unabhängigkeit von Rom und vom Papst? Vielleicht von allem ein bisschen. Oder haben sie einfach Angst? Angst vor Neuem? Angst vor einem Schritt in die Zukunft ohne finanzielle Absicherungen?
 
Das Gespräch mit dem mexikanischen Priester wirft Fragen auf. Fragen an das Selbst-verständnis der katholischen Kirche in Deutschland. Sehen wir uns als finanziell gut situierten Wohlfahrtsverein zwischen Arbeiterwohlfahrt und Gewerkschaft? Sehen wir uns als eingetragenen Verein, dessen Mitglieder auch zahlen müssen für Leistungen, die sie in Anspruch nehmen, wie die Mitglieder des Tennisclubs oder des Kleingärtnervereins nebenan?
 
Dass gerade ein Kirchenrechtler diese Fragen stellt, mag bezeichnend sein. Denn neben der rechtlichen Sicht hat er immer auch die theologische Sicht auf seine Kirche bewahrt. Kirche ist auf Erden angebrochenes Reich Gottes. Kirche ist Gemeinschaft derer, die glauben, dass Jesus Christus für sie am Kreuz gestorben ist. Er ist gestorben, um uns zu erlösen. Und er hat einen Preis gezahlt, der alle Kirchensteuermillionen in den Schatten stellt. Er hat sein Leben hingegeben, damit wir das ewige Leben haben. Dafür brauchen wir die Kirche.
 
„I will pray for you!“ So verabschiedet er sich. Mehr Gebet statt Geld wäre auch für die katholische Kirche in Deutschland nicht schlecht, ganz im Gegenteil.
 
Markus C. Müller studiert katholische Theologie und Philosophie an der Universität Augsburg. Zurzeit verbringt er zwei Auslandssemester an der Pontificia Università Gregoriana in Rom.
Die in diesem Beitrag vertretenen Meinungen decken sich nicht notwendigerweise mit denen des veröffentlichenden Autors.